Die Revolte Simkos gegen die Zentralregierung
aus dem Englischen übersetzt von Necana
Während sich die Zentralregierung im Angesicht der internen Krisen und dem internationalen Druck um Überleben bemühte, war Simko eifrig mit der Errichtung der Unabhängigkeit beschäftigt. Im Februar 1919 kam es zu einem Treffen der wichtigsten Stammesführer Iranisch-Kurdistans, wo über die Aufnahme einer offenen Revolte gegen die iranische Regierung diskutiert wurde. Die Verlegung der Erhebung wurde beschlossen bis sich herausstellte, wie sich die Großmächte in der Region zu verhalten entschieden. Die Kurden unternahmen einen Versuch zur Veranlassung internationaler Unterstützung und daher besuchte Sayyid Taha, der sich Simko angeschlossen hatte und innig mit ihm kooperierte, in Mai 1919 Bagdad, um britische Unterstützung für die kurdische Unabhängigkeit zu erzielen.
Andererseits schrieb Simko persönlich mit dem selben Anliegen dem zivilen Beauftragten A. T. Wilson. Beide erhielten keine direkte Bestätigung. Laut armenischen Quellen „waren Simko und Sayyid Taha zur selben Zeit in Kontakt mit türkischen Nationalisten aus Van, der modernen kurdischen Stadt auf türkischer Seite, und hofften diese damit zu beschäftigen entgegen der beabsichtigten Rückführung der Armenier nach Ostanatolien zu handeln und versprachen hierfür ihre Unterstützung“. In den folgenden zwei Jahren blieben beide kurdische Stammesführer weiterhin in Kontakt mit den britischen und türkischen Nationalisten (Bruinseen, Kurdish tribes and the state in iran: the case of Simko's revolt , London 1987). Ferner, laut Bruinseen, einem angesehenen Kenner des kurdischen Nationalismus, unterhielt der türkisch-kurdische Kontakt dermaßen Erfolg, dass die Türkei die Kurden des Iran von jenen, die Atatürk feindlich gegenüber standen, umschulten und die Kurden des Iran die Türken davon abhielten ihre türkischen Verwandten in Aserbaidschan zu unterstützten, die feindlich gegen Simko gesinnt waren. Voreilig nahm Simko, ohne die Zusage der anderen Stammesführer zum offenen Aufstand erhalten zu haben, die Stadt Dilman ein, belagerte Urmiyeh und eroberte ein Teil der aserbaidschanischen Bevölkerung in der Region Lakistan (nordwestlich von Dilman), welche die Anerkennung seiner Autorität und Steuerzahlung ablehnte. Jene, die fliehen konnten, wurden bis Sharafkhane verfolgt, am nördlichen Ufer des Urmiyeh-Flusses. Bruniseen (s.o.) nimmt an, dass die kurdischen Stämme in ihren Stammesinteressen kritisch auseinander gingen und sich ein „Chef-Faktor“ hinter Simkos Alleingang verbarg. Simko war sich der Tatsache bewusst, dass die Teilung in den Stämmen zu umfangreich war, um begrenzt oder überbrückt zu werden. Noch dazu war die Zentralregierung in und um Urmiyehh herum geschwächt und die Aserbaidschaner (Azeris) zu schlecht organisiert, um Simkos Truppen widerstehen zu können. Folglich, im Herbst 1919, nahmen Simkos Kurden dieses Gebiet nördlich des Flusses in Besetzung.
Die Gefahr der kurdisch-nationalen Truppen wahrnehmend, boten die ländlichen Azeris, die Simkos plündernde Truppen erlebten, der zentralen Regierung ihre volle Unterstützung an.
Tabriz hatten einen neuen militärischen Kommandant, Intisar, der effizient eine gleichgeordnete Truppe aus allen, wen auch immer (Soldaten, Kosaken, irreguläre aserbaidschanische Kavallerie), mobilisierte. Angeführt durch Filipov, einem russischen Kosakenoffzier, der soeben aus Teheran eingetroffen war, wurde diese Truppe dahin gelenkt Simkos Kurden abzuwehren und möglichst viel Schaden anzurichten. Daraufhin war Simko gezwungen Zuflucht in seiner Festung in Chariq zu suchen; viele seiner Partisanen verließen ihn (inbegriffen die verschiedenen osmanischen Soldaten). Aus Gründen, die unklar sind, traten Filivop und Intisar in Verhandlungen mit Simko anstatt ihren anfänglichen Erfolgskurs fortzuführen und Simko zur bedingungslosen Kapitulation zu bewegen. Als Folge dieser Verhandlungen versprach Simko die verursachten Schäden in Lakistan abzugleichen, seine türkischen Soldaten zu entsenden und seine ganze Truppe der Regierung abzutreten.
Keine dieser Versprechen wurde von Simko gänzlich gehalten und die ganze Affäre festigte letztendlich sogar seine Stellung unter den Kurden:
denn scheinbar war er in der Lage ohne jede Strafe gegen die Regierung zu handeln.
Während 1920 konnte er seine Kontrolle über die Fläche von Urmiyeh, Salmas und den südlichen Teil der Region Khoy wieder herstellen. In Urmiyeh ernannte er Männer nach seiner eigenen Auswahl zum Gouverneur: zuerst Arshad al-Mulk, ein Heimischer, später Teymur Agha, einem Stammesführer aus Kuhnehsbahr. Seine Männer überfielen weite Gegende, um hauptsächlich Waffen zu besorgen und seine künftigen Heldentaten zu finanzieren. Die unter ihre Kontrolle geratenen Regionen wurden besteuert und der zentrale Staat, der damit beschäftigt war weitere aufrührerische Elemente im Land einzudämmen, war zu geschwächt, um Simkos Truppen entgegen zu setzen. Dieser status quo verweilte bis 1921. Armeetruppen, die aus Tabriz gesendet wurden, um die Gebiete wieder einzunehmen, wurden von den Kurden besiegt und wurden nach Sharafkhaneh zurückgedrängt (März 1921). Simko erwies sich wiederum als der Stärkste und zog damit weitere Anhänger an. Weitere Siege über Regierungstruppen in dem selben Jahr führten zu einem Anstieg der Unterstützung anderer kurdischer Stämme. Im März 1921 betrug seine Truppe 1000 Reiter und 500 zu Fuß, begleitet von der kurdischen Flagge; im Sommer schon schätzte man seine Truppe 4000 Mann, im Herbst sogar schon 7000 Mann und schließlich waren im Sommer 1922 bereits 10 000 Kämpfer beteiligt. Je mehr Vorstöße die Truppen Simkos gegen die Zentralregierung führten, umso mehr stieg die Anzahl der treuen Anhänger. Simkos Autorität wurde durch die steigende Anzahl der Stämme gewürdigt.
Um die Tatsache wissend, dass die nationale (kurdische) Truppe umfangreicher Unterstützung zur Kontrolle über ganz Kurdistan bedarf, knüpfte Simko Kontakte mit allen Stämmen im Süden von Iranisch-Kurdistan. Früher, 1921, kam es zu verschiedenen Treffen des „Rates der kurdischen Anführer“ unter dem Vorsitz Simkos, dem nicht nur einige Stammesführer der größten Stämme in Aserbaidschan (Herki, Begzadeh, Haydaran, Shikak) beiwohnten, sondern auch von Stammesführern der Artushi und weiterer Stämme aus Hakkari in der modernen Türkei (Nordkurdistan). Es heißt, dass Simko 1921 Ahmad Khan als den höchsten Führer im Stamm der Herki unterstützte und dies von von jenem mächtigen Stamm angenommen wurde. Es scheint wie üblich, dass das nationale Streben wohl der effektivste Faktor im Zusammenhalt der kurdischen Stämme wider der Zentralregierung war.
Hierbei sind, laut Bruinseen, die Beweggründe eine Mischung aus Nationalem und Privatem.
Mitte 1921 beinhaltete die Region unter Simkos Kontrolle alle iranischen Gebiete westlich des Flusses Urmiyeh, südlich weiter Baneh und Sardesht (südlicher Teil von Iranisch-Kurdistan), auch den nord-westlichen Bezirk des Iraks, wo die Briten und Kemalisten weiterhin über die Kontrolle stritten. Neben dem ganzen Shikak-Stammesbund und dem Herki-Stamm schlossen sich auch Mamash, Mangur, Dehbokri, Piran, Zarza, Gewrik, Feyzullahbegi, Pizhdar und kleinere Stämme um Baneh Simko an. Oktober 1921 nahmen Simkos Truppen die Stadt Souj Bulagh (Mahabad) ein, die bis dato von Regierungstruppen eingenommen war. 200 der Soldatengarnison wurden ermordet und weitere 150 wurden verletzt.
Weiterhin ist nennenswert, dass Simkos Truppen die gesamte Stadt plünderten, was zu einem immensen Widerstand aus der Stadtbevölkerung führte (John Joseph, Muslim-Christian relations and inter-Christians rivalries in the Middle East: the Case of the Jacobites in an age of transition, Albany SUNY Press, 1983).
Souj Bulagh (s.o.) war strategisch wertvoll und das letzte Bollwerk der Zentralregierungstruppen und wurde deshalb zur Hauptstadt gekürt. Simko selbst residierte nicht in der Stadt, ernannte jedoch einen loyalen Stammesführer, Hamzeh Agha von den Mamash, zum Gouverneur. Die aserbaidschanischen Städte Mianduab, Maragheh und Binab sendeten Briefe der Unterwerfung nach Souj Bulagh (s. John Joseph).
Es ist lohnend zu erwähnen, dass ein grundlegender Faktor der nicht-kurdischen Stämme auf Seiten Simkos nicht nur in Feindlichkeit jener gegen die Zentralregierung unter Raza Khan herrührte, sondern auch aufgrund der Furcht und Einschüchterung, die Simkos Truppen in diesen Gebieten verbreitet hatten. Gemäß einigen Quellen (s.o.) hatten seine Truppen einen schlechten Ruf in Erbeutung und Plünderung.
Kontinuierliche militärische Siege über Regierungstruppen im selben Jahr trugen zu Simkos Stellung unter den Kurden bei und hob die Anzahl seiner Anhänger an. Im Juli 1922 war sein Territorium im größten Ausmaß: es spannte sich über Osten und Süden, über Sain Qaleh (Shahin Dezh) und Saqqiz. Darüberhinaus war Simko in ständigem Kontakt mit Stämmen weiter gen Süden: er hatte Einfluss in Mariwan und Awroman und sogar Stämme gen Süden Luristans waren bereit seiner Revolte beizustehen. Auf ähnliche Weise hatten viele Stammesführer aus der Türkei und dem Irak freundschaftliche Kontakte zu ihm. Obwohl keine konkreten Pläne zu gemeinsamen Handlungen vorlagen, könnte der Kontakt zu einem erfolgreichen sozialen Aufsteiger wie Simko nie schaden. Gerüchte gingen einher, die iranische Absichten zur Anerkennung der kurdischen Autonomie ansprachen, da diese nicht in der Lage wären sie zu unterdrücken; diese Gerüchte erwiesen sich jedoch als unzutreffend.
Seit Februar 1921 widmete Reza Khan seine Kraft der Schaffung einer modernen, disziplinierten und stimmigen Armee. Seine Bemühungen schienen bald Früchte zu tragen.
Während 1921 und sogar in den frühen 1922ern war Simko in der Lage den Regierungstruppen (Irreguläre, Kosaken, Gendarmie) wiederholte Verluste zuzufügen, die gegen ihn marschiert sind und beschlagnahmte dabei viele ihrer Waffen. Im August 1922 jedoch brachte eine wohl organisierte Kampagne der neu-organisierten Armee ihn unter Kontrolle. Der Sieg der Zentralregierung über Simko hatte seine Ursache mehr in der internationalen Unterstützung für Reza Khan, weniger in der Armee. Zur selben Zeit bevorzugten die Briten eine Unterstützung Reza Khans und die Türken wagten nicht in einen Konflikt einzutreten, der sich an ihren empfindlichen Grenzen abspielte. Dazu noch bekundeten die Shitte-Kurden aus dem Süden Irans um die Stadt Kermshan, welche die unfaire Behandlung durch Simkos Truppen fürchteten und und ablehnten, ihre Loyalität zu Teheran. Mit dem Anmarsch der Truppenb Reza Khans mitten ins Herz Kurdistans zerstreuten sich Simkos Unterstützer und ihm blieben eine Handvoll loyaler Kämpfer. Er musste in die Türkei und von dort Richtung Irak fliehen. Edmonds, der ihn auf seinem Anwesen in Irak befragte, verkündete, dass Simko erzürnt über die Türken und Briten war.
Die Erstgenannten versprachen ihm Unterstützung, jedoch richteten nun auch sie ihre Waffen gegen ihn und die Letzteren erlaubten ihm ein Ausschweifen, solange es in ihrem Interesse war (s. John Joseph).
Als Flüchtling im Irak verweilte Simko nicht nutzlos und setzte sogleich daran in Vorbereitung auf eine Rückkehr in den Iran alte Bindungen zu festigen und neue mit Stammesführern dort zu knüpfen. Er näherte sich seinem alten Verbündeten Sayyid Taha an, der nun von den Briten ausgenutzt wurde, um die Türkei aus Rowanduz zu bewegen, sodass Taha das Interesse an weiteren Abenteuern in Iran verloren hatte und Scheich Mahmund aus Suleymaniyeh, dem einflussreichsten nationalen Führer in Südkurdistan, der leichtes Interesse an Simkos Problemen zeigte. Er versuchte sogar die assyrischen Flüchtlinge zu begütigen, die von den Briten in den Irak gebracht wurden und die immer noch an eine Rückkehr nach Urmiyeh und Salmas dachten. 1923 ging Simko weiter in die Türkei, um deren Unterstützung einzuholen, ging jedoch leer aus. 1924 begnadigte Reza Khan ihm, sodass er in den Iran zurückkehrte.
1926 versuchte Simko eine letzte erfolglose Unternehmung, um die faktische Unabhängigkeit von damals wiederzuerlangen und nahm die Stadt Dilman ein, unterstützt von Teilen des Herki- und Begzadeh-Stammes. Zu dieser Zeit, da die Armee des Reza Khans mächtiger und wohlbewaffnet war, ernteten Simkos Erhebungen keine Früchte und seine Armee wurde vernichtet. Wieder musste er in den Irak fliehen. 1929 lud ihn die iranische Regierung ein, ihm das Gouvernement in Ushnuviyeh anbietend. Einige Tage nach seiner Rückkehr wurde er Opfer eines Hinterhaltes der selben Regierung. [1]