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Mir Tahsin Beg

Mir Tahsin Beg
Tahsîn Beg wurde am 15. August 1933 als drittältester Sohn des weltlichen Oberhauptes der Êzîden, Mîr Saîd Alî Beg, in der Sheikhan-Region im heutigen Nordirak geboren. Obwohl Tahsîn Beg nur der drittälteste seiner insgesamt fünf Brüder war, wurde er nach der Ermordung seines Vaters am Tag der Beisetzung im Jahr 1944 von den anwesenden Stammesältesten und insbesondere von seiner Großmutter Meyan Xatûn als Nachfolger der Mîr-Würde vorgeschlagen und bestimmt. Zu diesem Zeitpunkt war Tahsîn Beg elf Jahre alt. Obwohl er offiziell das weltliche Oberhaupt der Êzîden war, lenkte in Wirklichkeit seine Großmutter Mayan Khatun alle Angelegenheit der Êzîden.
Mayan Khatun mit ihrem Sohn Mir Said Beg, Vater des Mîr Tahsîn Beg
Mayan Khatun war unter den Êzîden äußerst beliebt und genoss großen, in der Geschichte der Êzîden wohl einmaligen, Respekt. Ein irakischer Beamter in Sheikhan schrieb über seine Begegnung mit Mayan Khatun im Jahr 1948: „Einige Tage nachdem ich das Amt des Kreisdirektors in Schekhan übernommen hatte, erschien eine alte Dame, die vielleicht über 70 Jahre alt war, in meinem Büro, um mir zur Amtsübernahme zu gratulieren und ihre volle Unterstützung für meine Arbeit in der Region zum Ausdruck zu bringen. Obwohl sie sehr alt war, wirkte sie nicht gebrechlich. Ganz im Gegenteil: Ihr charmantes Auftreten und ihre wunderbare Ausstrahlung waren faszinierend. Sie war eine Persönlichkeit, vor der man Respekt zeigen musste.“
Nach dem plötzlichen Tod ihres Sohnes Mir Said Beg im Jahr 1944 setzte Mayan Khatun ihren elfjährigen Enkel Tahsîn Beg, obwohl nur drittältester Sohn, als neues weltliches Oberhaupt der Êzîden durch. Mayan Katun hat ihn, so sagte Tahsîn Beg später, wesentlich geprägt und bis zu seiner faktischen Amtsübernahme als Mentorin auf sein Arbeit vorbereitet.
Tahsîn Beg wurde an jenem Tag zum neuen Mîr ernannt und trug fortan den vollen Namen Mîr Tahsîn Saîd Alî Beg. Er wird der wohl letzte in der über 700-jährigen Geschichte des Mîrtums sein und die Êzîden durch eine von Migration, Flucht, sozialen Transformationen, politischen Umbrüchen und eines verheerenden Völkermordes geprägte Ära führen müssen. Von 1944 an hat er ununterbrochen bis zum Januar 2019 das Amt des Mîr bekleidet, das von seiner Familie bereits seit dem 14. Jahrhundert beherrscht wird.
Bis Mîr Tahsîn Beg reif genug war um selbstständig als Oberhaupt zu agieren, übernahm Mayan Khatun die Vormundschaft. So regierte Mayan Khatun von 1913 bis zu ihrem Tod im Jahr 1956 de facto als weltliches Oberhaupt bzw. als Fürstin der Êzîden.
Mayan Khatun
Mayan Khatun bildete ihren Enkel umfangreich aus, um ihn bestmöglich auf seine zukünftigen Aufgaben vorzubereiten. In dieser Zeit lernte der junge Mîr Tahsîn Beg, wie wichtig diplomatische Beziehungen sein können. Eine Lektion, die er auch später immer wieder versuchen wird umzusetzen und so auch den Unmut vieler Êzîden auf sich zieht.
Seine Großmutter und Mentorin Mayan Khatun selbst durchlebte an der Seite ihres Ehemannes Mir Ali Beg II. eine der blutigsten Episoden der êzîdîschen Geschichte. Ab 1893 führte Omar Wahbi Pascha, auch Firik Pascha genannt, einen Vernichtungsfeldzug gegen die Êzîden in Sheikhan und Shingal an. Zehntausend Êzîden wurden massakriert, Frauen und Kinder versklavt und über 15.000 Êzîden zwangsislamisiert. Sheikhan wurde nahezu dem Erdboden gleich gemacht. Mayan Khatun musste miterleben, wie ihr Ehemann, der sich weigerte den Islam anzunehmen, gefoltert und gedemütigt wurde, ehe beide ins Exil verbannt wurden.
Während dieser Zeit gebar sie ein Kind, das bereits im Mutterleib verstorben war. Erst mit großer Mühe und Überwindung zahlreicher Hürden konnte Mir Ali Beg II. ihre Rückkehr nach Sheikhan organisieren, und begann zusammen mit seiner Frau, die Êzîden, welche sie mit Freude als ihre Oberhäupter empfingen, wieder zu alter Stärke und Ordnung zu führen. Sie gaben ein enormes Vermögen aus, um die osmanischen Behörden und Beamten zu bestechen, um so den Êzîden weitestgehend eine Zeit des Friedens zu ermöglichen. Sie begannen damit, zerstörte êzîdîsche Heiligenstätte und Dörfer wiederaufzubauen und konnten Lalish, das während des Vernichtungskrieges von Muslimen besetzt worden war, zurückerobern.
Dieser schreckliche Lebensabschnitt formte die junge Mayan Khatun zu einer Frau mit einem eisernen und starken Charakter, der auch auf ihren Enkel Mîr Tahsîn Beg abfärbte.
Mîr Tahsîn Beg im Alter von ca. 13 Jahren
Über seine Großmutter erinnerte sich Mîr Tahsîn Beg im Jahr 2013: „Meine Großmutter, Mayan Khatun, eine sehr tüchtige und intellektuelle Frau, hat zweimal in der yezidischen Historie die Fürstenrolle des Mir geleitet. Nachdem mein Großvater Ali Beg ums Leben kam und mein Vater zu die¬sem Zeitpunkt noch minderjährig war, übernahm meine Großmutter Mayan Khatun die weltliche Führungsrolle der yezidischen Gemeinschaft. Sie war die erste Ansprech¬partnerin sowohl für ihr eigenes Volk als auch gegenüber politischen Vertretern anderer Volksgruppen.
Mit seinem 18. Lebensjahr übernahm mein Vater Said Beg dann offiziell die Würde des Mir und die damit verbundenen Pflichten und Rechte. Meine Großmutter genoss weiterhin große Anerkennung und Wertschätzung innerhalb der yezidischen Gemeinschaft. Sie war darüber hinaus auch eine ausgezeichnete Diplomatin. […] Meine Großmutter Mayan Khatun war eine intelligente Frau und auch die politischen Umstände jener Zeit machten ihre Führung möglich.“
Nach dem Tod seiner Großmutter übernahm 1956 der mittlerweile zu einem erwachsenen Mann herangereifte Mîr Tahsîn Beg die alleinige Führung der Êzîden. Und bereits kurz danach begann eine Tortur, die sein Leben lang anhalten sollte – eine Tortur, die er mit seinen Vorvätern teilte.
Mayan Khatun mit dem jungen Mir Tahsin Beg
Regierungszeit des Mîr Tahsîn Begs
Anders als viele Êzîden seiner Zeit erfuhr Mîr Tahsîn Beg eine gute schulische und politische Ausbildung. Um seinen politischen Aufgaben gerecht zu werden, lernte er mehrere Sprachen und sprach schließlich sechs Sprachen fließend, darunter auch Englisch.
Mit dem irakischen König Faisal II. pflegte er nach eigenen Angaben eine freundschaftliche Beziehung. Nach dem Sturz des irakischen Königs und der Abschaffung der Monarchie in den 1950er Jahren geriet Mîr Tahsîn Beg ins Visier der neuen Militärdiktatur unter Abd al-Karim Qasim.
Mîr Tahsîn wurde schließlich gefangen genommen und inhaftiert, ehe er sich nach seiner Freilassung unmittelbar der kurdischen Rebellion im Irak anschloss. Im darauffolgenden ersten Kurdisch-Irakischen Krieg in den Jahren 1961 bis 1970 führte Mîr Tahsîn Beg an der Seite von Mustafa Barzani, dem kurdischen Anführer der Rebellion, in führender Rolle die Êzîden an. Der Krieg endete mit einem Sieg über die irakischen Truppen.
Mit der Machtübernahme Saddams entflammte auch ein neuer Krieg des Iraks gegen die Êzîden. Saddams Regime zerstörte dutzende êzîdîsche Dörfer. Auch diesmal schloß sich Mîr Tahsîn Beg mit einer êzîdîschen Armee den kurdischen Peshmerga an und kämpfte gegen Saddam Husseins Schreckensherrschaft.
Im Jahr 1975 flüchtete Mîr Tahsîn Beg vor Saddams Schergen erst in den Iran und von dort aus ins Exil nach Großbritannien. Erst im Jahr 1985 kehrte er in den Irak zurück und übernahm als Führer der Êzîden weitreichende politische Funktionen in den êzîdîschen Gebieten der späteren Autonomen Region Kurdistan. Noch mehr Einfluss erhielt er im Jahr 1992, als die Autonome Region Kurdistan im Nordirak entstand und er direkten Einfluss über die êzîdîschen Stämme und Gebiete ausübte. Diese Macht wurde ihm jedoch in den Folgejahren systematisch von der kurdischen Autonomieregierung genommen, um seinen Einfluss zu beschränken. Später wird er jenes Handeln seiner einstigen Kampfgefährten verurteilen und sie der Assimilation der Êzîden bezichtigen.
Als im Jahr 2005 die neue irakische Verfassung nach dem Sturz des Diktators Saddam Hussein ausgearbeitet wurde, drängte Mîr Tahsîn dazu, die Êzîden in der neuen Verfassung explizit zu benennen und ihnen verfassungsrechtliche Freiheiten zu gewährleisten. Sein Einfluss reichte schließlich noch so weit, dass auch die Êzîden in der irakischen Verfassung als Minderheit anerkannt wurden und den Êzîden zumindest ein kompensatorischer Minderheitensitz im irakischen Parlament zugesichert wurde.
Es wird sein letzter großer politischer Erfolg bleiben, eher er erkrankt und die Führung schrittweise seinem Sohn Hazim Beg überlässt.
Von 2013 an lässt sich der gesundheitlich bereits angeschlagene Mîr Tahsîn in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover nieder und behandeln. In den kommenden Jahren kehrte er nur sporadisch bei dringender Notwendigkeit kurzzeitig in den Irak zurück.
Attentate
Als Oberhaupt der Êzîden stand der Mîr im Fadenkreuz radikal-religiöser und politischer Extremisten. So wurde er am 14. Februar 1992 bei einem bewaffneten Angriff von mehreren Kugeln aus einer automatischen Waffe getroffen und dabei schwer verletzt. Sein Fahrer sowie sein Begleiter wurden bei dem Angriff getötet.
Am 17. September 2003 wurde das Fahrzeug des Mîr auf dem Weg in die Ortschaft Alqosh von einem sich nähernden Fahrzeug aus mit einer Handgranate angegriffen. Die Granate verfehlte den Wagen des Mîr nur knapp, die Angreifer begannen daraufhin auf das stehende Fahrzeug des Mîr zu schießen. Mit Kalaschnikows versuchten sie den Mîr der Êzîden zu töten. Seine Leibwächter erwiderten das Feuer und drängten die Angreifer zum Rückzug. Der Mîr überlebte leicht verletzt.
In beiden Fällen wurden die Täter oder Hintermänner nie gefasst. Als Mîr lebt man gefährlich, Angst aber, sagt Mîr Tahsîn später, habe er nie verspürt. Sein Großvater, Mîr Alî Beg, wurde, wie viele andere Mîr‘s der Êzîden, ermordet. Die Angriffe seien nicht nur gegen seine Person gerichtet, sondern gegen ihn in seiner Funktion als Oberhaupt der Êzîden.
Persönliche und gesellschaftliche Tragödien
Während seiner Amtszeit erlebt Mîr Tahsîn Beg viele persönliche und gesellschaftliche Tragödien. Mehrere seiner Kinder sterben, die Anschläge und Angriffe auf die Êzîden im Irak verschärfen sich.
Der verheerende Al-Qaida-Anschlag im Jahr 2007 und der anhaltende Völkermord seit August 2014 stellen für ihn einen herben Rückschlag dar. Sie machen seine ohnehin schwierige Aufgabe, die Êzîden zu vereinen und zu stärken, nahezu unmöglich. Trotz seiner gesundheitlichen Lage versucht er jedoch alle Hebel in Bewegung zu setzen, um international um Hilfe für die Êzîden aufzurufen.
Viele Êzîden hofften in dieser Zeit auf eine starke Persönlichkeit, die sie durch die schwierige Zeit führen würde. Die politischen Umstände jener Zeit machen es dem Mîr jedoch praktisch unmöglich, offen über politische Angelegenheiten, die die Êzîden gefährden, zu sprechen. So monierten viele Êzîden, der Mîr stünde zu sehr unter dem Einfluss der regierenden kurdischen PDK-Partei. Er selbst jedoch hat sich nie in dieser Position gesehen und hinter verschlossenen Türen offen über Probleme gesprochen und versucht diplomatische Lösungen zu finden, statt auf offene verbale Angriffe zu setzen. Nicht selten hatte er so zahlreiche politische Vergeltungsmaßnahmen gegen die Êzîden verhindern können, während die Êzîden ihn in der Öffentlichkeit aber immer lauter zu Unrecht kritisierten. Auch diese Episode des Unverständnisses seines Volkes für diplomatische Notwendigkeiten gehören zu den persönlichen Tragödien des Mîr Tahsîn Begs.
Stetiges Spannungsfeld
Mîr Tahsîn Beg bewegte sich seit seiner Amtsübernahme in einem Spannungsfeld zwischen êzîdîschen Bedürfnissen und politischer Realität. Neben seiner Krankheit hat ihn der Völkermord von 2014 sichtlich mitgenommen. Bis zuletzt hoffte er, den seit fast fünf Jahren in Flüchtlingslagern ausharrenden Êzîden aus Shingal eine Rückkehr zu ermöglichen. In unzähligen Interviews und Gesprächen mit politischen und gesellschaftlichen Akteuren versuchte er ihnen die Notlage der Êzîden zu erläutern.
Unter seiner Führung verlor die êzîdîsche Gemeinschaft jedoch immer mehr an Zusammenhalt. Dies war auch der in der Geschichte der Êzîden erstmaligen Flucht aus allen traditionellen Siedlungsgebieten ins Ausland geschuldet. Der Mîr verlor zusehends innerhalb der êzîdîschen Gemeinschaft im Irak an Gewicht, auch, weil die politischen Umbrüche zu Zerwürfnissen innerhalb der Êzîden geführt haben, die die Position des Mîr schwächten.
Innerhalb der mittlerweile in verschiedenen Staaten lebenden êzîdîschen Gemeinschaften entwickelten sich unterschiedliche gesellschaftliche Dynamiken, die zu kontrollieren fast unmöglich waren. Die Anstrengungen des Mîr in Deutschland etwa, die Êzîden verschiedener politischer Gesinnungen an einen Tisch zu bringen und zu vereinen, wurden von Êzîden selbst torpediert. Das Scheitern aber wurde dem Mîr angelastet.
An Visionen fehlte es dem êzîdîschen Oberhaupt nicht. Oft war er seiner Gesellschaft in bildungspolitischen und gesellschaftlich-sozialen Ansichten weit voraus und musste stets für Verständnis kämpfen. Auch religiös zeigte er etwa für Reformvorschläge ein offenes Ohr, überließ die Entscheidung darüber aber der Gesellschaft selbst. Immer wieder hob er hervor, wie wichtig Bildung für das Überleben der êzîdîschen Gemeinschaft sein würde und ermutigte junge Êzîden, Führungsrollen in der Gesellschaft zu übernehmen. Er sprach sich, trotz seiner eigenen Stellung, gegen viele patriarchalische Einflüsse innerhalb der Êzîden aus.
Aufgrund der zunehmenden Globalisierung der Konflikte in den traditionellen Heimatgebieten der Êzîden stand Mîr Tahsîn Beg vor schier unlösbaren Aufgaben, da die Êzîden weder politisches, militärisches noch ökonomisches Gewicht besaßen. Die êzîdîschen Interessen in einem solchen angespannten Umfeld zu vertreten, zu verteidigen und durchzusetzen, glichen einer Mammutaufgabe, vor denen Mîr Tahsîn Beg als erster Mîr der Geschichte stand. Er musste die Êzîden in die Moderne führen, ohne direkten Zugriff auf die sonst in Ballungsgebieten konzentrierten êzîdîschen Gemeinschaften zu haben.[1]
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