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1.NADA-Kongress in Silêmanî und seine transnationale Perspektive
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NADA-Kongress in Silêmanî
NADA-Kongress in Silêmanî
Mit der Verabschiedung des Konzepts des Demokratischen Weltfrauenkonföderalismus und der institutionellen Neuaufstellung markiert der 1. Kongress der NADA-Koalition in Silêmanî einen Meilenstein feministischer Organisierung im Nahen Osten und Nordafrika.
Vom 15. bis 17. Mai fand im südkurdischen Silêmanî der erste Kongress der Regionalen Demokratischen Frauenkoalition für den Nahen Osten und Nordafrika (NADA) unter dem Motto „Für eine demokratische Gesellschaft durch die Frauenrevolution“ statt. Rund 200 Frauen aus 19 Ländern, darunter Vertreterinnen kurdischer, arabischer, persischer, assyrischer, armenischer und nordafrikanischer Frauenorganisationen, kamen zusammen, um Erfahrungen, Analysen und Strategien im Kampf gegen patriarchale Strukturen, Kriege und autoritäre Regime auszutauschen.

Der Kongress fokussierte sich auf theoretische Reflexionen, praktische Herausforderungen und zukunftsweisende Perspektiven einer transnationalen feministischen Bewegung. Während die ersten beiden Kongresstage durch Panels und Diskussionen geprägt waren, die sich mit der Analyse patriarchaler Gewaltverhältnisse und kriegerischer Krisen sowie kollektiver, basisdemokratischer Strategien für eine global vernetzte Frauenbewegung befassten, standen am dritten Tag strategische Weichenstellungen und die Verabschiedung zentraler Dokumente im Mittelpunkt. Besonders die letzten beiden Programmpunkte – die Evaluation der bisherigen Arbeit und die Annahme des Dokuments zum Demokratischen Weltfrauenkonföderalismus – markieren den normativen und organisatorischen Rahmen für die zukünftige Entwicklung des Bündnisses.

Evaluierung der NADA-Koalition und institutionelle Festlegungen
Im Zuge der Auswertung der Jahre 2021 bis 2025 präsentierten Vertreterinnen aus verschiedenen Ländern eine umfassende Reflexion über die Stärken und Schwächen der bisherigen Aktivitäten der NADA-Koalition. Die Bewertungen zeigten ein Spannungsfeld zwischen ambitionierten Zielsetzungen und der bislang eingeschränkten Umsetzungsfähigkeit auf. Hervorgehoben wurde insbesondere der Bedarf, lokale Gegebenheiten stärker in Strategien einzubeziehen, konkrete Maßnahmenpläne zu entwickeln und eine transnationale, zugleich kontextsensibel differenzierte Organisationsweise zu stärken.

Kritische Stimmen – unter anderem von armenischen, syrischen und irakischen Aktivistinnen – betonten Versäumnisse in der symbolpolitischen Anerkennung kollektiver Frauengeschichten, etwa im Kontext des Völkermords an Armenier:innen, und forderten eine explizitere Einbindung historisch marginalisierter Narrative. Die Notwendigkeit der institutionellen Konsolidierung mündete schließlich in der Etablierung von sieben Fachkomitees, die künftig die inhaltliche, organisatorische und strategische Arbeit des Bündnisses koordinieren sollen. In ihrer Gesamtheit zielen diese Maßnahmen auf eine Intensivierung der innerorganisatorischen Kohärenz sowie eine Verstärkung der globalen Ausstrahlungskraft feministischer Politik ab.

Bemerkenswert war zudem die Interdependenz von lokalen politischen Entwicklungen – etwa dem beginnenden Friedensprozess in der Türkei – mit der NADA-Agenda. Dies verwies auf das zentrale Bestreben des Kongresses, geopolitische Dynamiken nicht nur als externe Bedingungen zu verstehen, sondern aktiv mitzugestalten.

Referenzdokument: Demokratischer Weltfrauenkonföderalismus

Die konzeptionelle Tiefe und politische Reichweite des verabschiedeten Strategiedokuments markiert einen paradigmatischen Schritt in der Formierung eines global vernetzten, demokratischen Feminismus. Das Papier versteht sich nicht als bloße programmatische Selbstvergewisserung, sondern als ideologisch-strategisches Fundament für eine transnationale Frauenrevolution.

Zentrale Thesen und theoretische Rahmung
Im Zentrum steht die These, dass der 21. Jahrhundert historisch einzigartig in der Möglichkeit sei, eine globale Frauenrevolution zu realisieren – vorausgesetzt, es gelingt, fragmentierte feministische Kämpfe in ein gemeinsames, konföderales System zu überführen. Dabei stützt sich das Dokument auf die historische Rekonstruktion des Neolithikums als matrifokale Zivilisationsform, die durch patriarchale Staatsformationen sukzessive entmachtet wurde. Diese Rückbesinnung auf kollektive, egalitäre Gesellschaftsformen fungiert sowohl als historische Legitimation als auch als ideologischer Ankerpunkt für eine radikale gesellschaftliche Neugestaltung.

Zugleich wird die kapitalistische Moderne – insbesondere in ihrer neoliberalen Ausprägung – als ein zentraler Treiber der multiplen Krisen diagnostiziert: von ökologischer Zerstörung und Krieg bis hin zu geschlechtsspezifischer Gewalt. Die strukturelle Verschränkung von Kapitalismus und Patriarchat wird dabei nicht als historische Zufälligkeit, sondern als systemimmanente Logik analysiert.

Der Demokratische Weltfrauenkonföderalismus wird als eine nicht-zentralistische, nicht-hierarchische Netzwerkstruktur konzipiert, die lokale Autonomie mit globaler Solidarität verknüpft. In Abgrenzung zu staats- und parteiförmigen Organisationsweisen basiert dieses Modell auf der Vorstellung eines föderierten Pluralismus, der Unterschiede nicht nivelliert, sondern produktiv einbindet.

Der Frauenkonföderalismus als systemisches Gegenmodell
Das Dokument sieht vor, feministische Kämpfe nicht bloß taktisch, sondern strategisch zu vereinen – also nicht unter einem hegemonialen Banner, sondern auf Grundlage einer kollektiven Praxisvielfalt, die durch gemeinsame Werte wie Gleichheit, ökologische Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit und radikale Demokratie verbunden ist.

Zentrale Pfeiler dieser Konföderation sollen unter anderem sein:
▪ Aufbau demokratischer Entscheidungsstrukturen, frei von Bürokratie und Machtakkumulation;
▪ Systematische Frauenbildung, um kollektives Wissen zu bewahren und transformativ weiterzuentwickeln;
▪ Stärkung der feministischen Selbstverteidigung, verstanden als umfassender Schutz der physischen, intellektuellen und kulturellen Integrität;
▪ Etablierung einer alternativen Medienstruktur, die weibliche Perspektiven sichtbar macht und patriarchaler Berichterstattung entgegentreten soll.

Besonderes Gewicht wird der organisatorischen Einheit in Diversität beigemessen – einem Prinzip, das globale Gültigkeit beansprucht, ohne lokale Kämpfe zu homogenisieren oder zu instrumentalisieren.

Der erste NADA-Kongress hat mit der Verabschiedung des Konföderalismus-Dokuments und der Schaffung institutioneller Strukturen ein ambitioniertes Projekt feministischer Selbstermächtigung auf regionaler wie globaler Ebene angestoßen. Dabei wird nicht nur auf bestehende Widerstandspraktiken – von der „Jin Jiyan Azadî“-Revolution nach dem Tod von Jina Amini bis zu den ezidischen Frauenverteidigungskräften in Şengal – angeknüpft, sondern auch ein konzeptionelles Gegenmodell zur kapitalistischen Moderne entworfen.

Die Vision eines demokratischen Weltfrauenkonföderalismus fordert damit nicht weniger als eine globale, systemüberwindende Neugründung politischer Ordnung – durch die kollektive Kraft organisierter Frauen.

Die im Kongress entworfene strategische Ausrichtung soll auf einen historischen Wendepunkt hindeuten: weg von nationalstaatlicher Repräsentation, hin zu transversalen, basisdemokratischen, feministisch getragenen Strukturen. In einer Zeit multipler Krisen avanciert die feministische Bewegung – wie NADA es formuliert – zur „Hoffnungsträgerin einer freien und gerechten Gesellschaft“.[1]

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