In Istanbul hat die Polizei eine kurdische Familie brutal angegriffen – offenbar wegen kurdischer Musik im Auto. Eine schwangere Frau erlitt schwere Verletzungen, das Neugeborene liegt auf der Intensivstation. Drei Angehörige der Familie sollen in Haft.
Ein Polizeieinsatz im Istanbuler Stadtteil Bayrampaşa hat schwere Folgen für eine kurdische Familie. Laut der Anwaltsorganisation ÖHD wurden zehn Angehörige der Familie Kaya am Sonntagabend auf dem Rückweg von einem Picknick gewaltsam festgenommen – offenbar, weil sie in ihrem Auto kurdische Musik hörten. Dabei seien sie nach Angaben des Juristenverbands „von nicht im Einsatz befindlichen Polizisten gefilmt“ worden. „Als die Betroffenen gegen diese Aufnahme protestierten, wurden sie von den Polizisten misshandelt und anschließend unter Anwendung von Gewalt festgenommen“.
Sieben Familienmitglieder verbrachten die Nacht nach ÖHD-Angaben in Polizeigewahrsam und befinden sich am Justizpalast Çağlayan, um einem Haftrichter vorgeführt zu werden. Gegen drei männliche Betroffene wurde bereits Untersuchungshaft beantragt, eine Entscheidung steht noch aus. Eine 14-jährige Jugendliche, eine schwangere Frau sowie deren Mutter wurden vorläufig freigelassen.
Schwangere Frau muss nach Polizeitritt notoperiert werden
Besonders dramatisch ist der Zustand der Schwangeren, die im siebten Monat war. Nach Angaben ihrer Familie wurde sie von einem Polizisten in den Bauch geschlagen, obwohl sie wiederholt gerufen habe, dass sie schwanger sei. In der Folge löste sich die Plazenta, sie musste per Notkaiserschnitt entbinden. Mutter und Kind liegen aktuell auf der Intensivstation einer Istanbuler Klinik. Laut Angehörigen schweben beide in Lebensgefahr, das Baby habe im Mutterbauch eine Schädelverletzung erlitten.
„Unser einziges ‚Vergehen‘ war kurdische Musik“
Eine weitere Schwester der Verletzten sprach gegenüber Medien von rassistisch motivierter Gewalt: „Wir waren mit zwei Autos auf dem Rückweg von einem Picknick. Als Polizisten das Fahrzeug meiner Brüder rauswinkten, stoppten auch wir. Meine Brüder wurden wohl aufgefordert auszusteigen, ich bekam nicht alles mit. Die Beamten versuchten daraufhin, Festnahmen durchzuführen. Auf Nachfrage zum Grund wurden wir rassistisch beleidigt und geschlagen. Unser einziges ‚Vergehen‘ war, dass wir kurdische Musik gehört haben. Wären wir Türken gewesen oder hätten türkische Musik gehört, wäre das nicht passiert.“
Auch die Mutter der Betroffenen, die ebenfalls vorübergehend in Gewahrsam war, schilderte die Gewalt: „Meinen Söhnen wurde vor meinen Augen ins Gesicht geschlagen. Als ich mich schützend auf sie warf, sprühten die Polizisten mit Pfefferspray. Ich habe Asthma, bekam keine Luft. Mein Körper ist voller Blutergüsse.“
Polizeiversion: „Widerstand gegen Beamte“
Die Istanbuler Polizei stellte den Vorfall anders dar. Es habe sich um eine Maßnahme gegen „laute Musik und aggressives Verhalten“ gehandelt. Die betroffenen Personen hätten die Beamten beleidigt und sich einer Festnahme widersetzt. Insgesamt seien 13 Menschen festgenommen worden, darunter auch mehrere Personen, die sich später vor dem Polizeirevier versammelt hätten.
Der ÖHD-Verband verurteilte den Vorfall scharf. „Gerade in einer Zeit, in der in der Türkei verstärkt Appelle an Einheit und Zusammenhalt gemacht werden, zeigt dieser Vorfall, dass selbst kurdische Musik offenbar nicht toleriert wird – und dass auf diese Intoleranz mit Gewalt reagiert wird“, erklärte die Organisation und forderte unverzügliche Disziplinar- und Strafverfahren gegen die verantwortlichen Beamten. Polizist:innen, die sich solcher Übergriffe schuldig gemacht haben, müssen suspendiert und zur Rechenschaft gezogen werden.“
Auch die DEM-Partei kritisierte die Gewalt. Sie sprach von einem „klar rassistisch motivierten Angriff“ und forderte lückenlose Aufklärung. Der Menschenrechtsverein IHD wies darauf hin, dass der Übergriff in Istanbul kein Einzelfall gewesen sei. In der Türkei würden kulturelle Ausdrucksformen wie kurdische Musik immer wieder das Ziel übermäßiger Polizeigewalt und Kriminalisierung als „Terrorismus“, betonte die NGO und kündigte rechtliche Schritte an.[1]