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Illustration: Clara Sinnitsch
Illustration: Clara Sinnitsch
Die Familie von Berfins Vater ist kurdisch - aber spricht das nicht immer offen aus. Wie prägt das ihre Identität?

Wenn Berfin sagt, dass sie Kurdin ist, blickt sie in fragende Gesichter. Viele denken Kurd:innen und Türk:innen seien dasselbe. „Einige setzen sich damit nicht auseinander, aber viele erkennen Kurden bewusst nicht an. Kurden und Kurdinnen sind keine Türken und Türkinnen“, sagt Berfin. Es frustriert sie, ihre Identität immer wieder erklären zu müssen. Trotzdem erzählt die 22-Jährige Studentin geduldig, aber klar von ihren Erfahrungen.

Berfin ist eine von etwa 100.000 Kurd:innen, die nach Schätzungen in Österreich leben. Weil Kurdistan nicht offiziell anerkannt ist, haben Kurd:innen auch keinen Staatsbürgerschaftsnachweis, der statistisch erfasst werden kann. Mit zwei Identitäten ist sie groß geworden: einer österreichischen und einer kurdischen. In dem einen Land ist sie aufgewachsen, das andere gibt es offiziell nicht. Wie vereint Berfin ihre beiden Identitäten?

Kein Ort ohne Unterdrückung
Berfins Familie wohnt heute in Istanbul, also in der Türkei, aber außerhalb kurdischer Gebiete. Seit Berfin sich mit dem Thema auseinandersetzt, hat sie den Wunsch nach Kurdistan zu fahren. Weil die Region ein Kriegsgebiet ist, ist das aber zu gefährlich. „Ich fühle mich als Kurdin, aber war eigentlich noch nie in dem Land. Das fehlt mir“, sagt Berfin. Diese Sehnsucht können viele autochthone Österreicher in ihrem Umfeld nicht nachvollziehen. “Aber wenn ich mit anderen Kurdinnen aus der zweiten Generation rede, verstehen sie mich. Es ist arg, dass es einem einfach nicht möglich ist dort hinzufahren und sich damit näher auseinanderzusetzen”, sagt Berfin.

“Die Kurden wurden in allen Ländern, in denen sie leben, im unterschiedlichen Ausmaß unterdrückt. Im Irak kam es unter Saddam Hussein auch zu Giftgasangriffen und Massakern. Das prägt das Selbstverständnis von Kurden nachhaltig”, sagt der Kurdologe #Thomas Schmidinger# . Diese systematische Unterdrückung ist für viele Kurden ein Grund, warum sie sich einen offizielles Kurdistan wünschen.

Der größte Teil der Kurden in Österreich kommt, wie auch Berfins Vater, aus der Türkei beziehungsweise dem türkischen Teil Kurdistans. Die zweitgrößte Gruppe kommt aus Syrien. “Viele von ihnen sind in den letzten Jahren wegen des syrischen Bürgerkriegs gekommen. Kurden aus dem Irak und Iran, die in Österreich leben, sind sehr viel kleinere Gruppen – jeweils ein paar tausend Leute“, erklärt Schmidinger.

„Der türkische Staat hat über Jahrzehnte hinweg den Kindern in der Schule verboten, kurdisch zu sprechen und versucht sie systematisch zu türkisieren”

Wer oder was kurdisch ist, ist nicht einfach zu sagen. Als Kurden sehen sich viele religiöse, politische, ethnische und sprachliche Gruppen, die aus unterschiedlichen Regionen kommen. „Weil es keinen kurdischen Staat gibt, gibt es auch unter Menschen, die sich als Kurden verstehen, unterschiedliche Definitionen“, sagt Thomas Schmidinger, der auch Generalsekretär der österreichischen Gesellschaft zur Förderung der Kurdologie ist.

Viele Kurden sind sich beispielsweise uneinig, was genau als kurdische Sprache gilt. Es gibt keine Standardsprache, die alle Kurd:innen verstehen, sondern viele verschiedene Dialekte und Varianten. Institutionen wie Schulen, die Sprache vereinheitlicht vermitteln, fehlen.

Berfin spricht keine der kurdischen Sprachen – genauso wie alle in ihrer Familie, bis auf eine Tante. Ihr Vater und all seine anderen Geschwister haben die Sprache nie gelernt oder abgelegt. Als Grund sieht Berfin die Ablehnung der kurdischen Kultur in der Türkei. „Der türkische Staat hat über Jahrzehnte hinweg den Kindern in der Schule verboten, kurdisch zu sprechen und versucht sie systematisch zu türkisieren”, erklärt auch Kurdologe Schmidinger.

Berfins Onkel ist etwa in einem kurdischen Gebiet aufgewachsen und musste sich vor der Klasse hinstellen und sagen: „Ich bin stolz darauf, Türke zu sein.“ Kurdische Sprachen beziehungsweise Dialekte waren lange Zeit verboten. „Auch wenn sie jetzt offiziell erlaubt sind, sind sie noch immer tabuisiert“, sagt Berfin.

„Meine Tanten wurden beim Friseur gefragt, woher sie sind. Sie haben gesagt, sie sind Araber. Ich wollte dazwischen gehen und sagen: ‘Hä, ich dachte wir sind Kurden?’ Sie sagten ich soll leise sein.“

Für sie bedeutet kurdische Kultur einen gemeinschaftlicheren und offeneren Umgang mit anderen zu pflegen als es in Österreich üblich ist. „Mein Papa hat mir das mitgegeben. Dieses ‚mein, dein‘ ist nicht so ausgeprägt wie in Österreich.“ Wenn Berfin ihre Familie in der Türkei besucht, treffen sie sich täglich als große Gruppe zum gemeinsamen Abendessen. Vor der Pandemie feierten und tanzten sie auch in Österreich bei Zusammenkünften.

In der Türkei und anderen Ländern müssen Kurd:innen ihre Kultur oft verstecken. Auch Berfins Familie sagt fremden Leuten nicht, dass sie Kurd:innen sind. Weil sie nicht so “klischeetürkisch” aussehen, sagen sie nicht, dass sie aus der Türkei sind, sondern Araber. An einen Vorfall erinnert sich Berfin gut: „Meine Tanten wurden beim Friseur gefragt, woher sie sind. Sie haben gesagt, sie sind Araber. Ich wollte dazwischen gehen und sagen: ‘Hä, ich dachte wir sind Kurden?’ Sie sagten ich soll leise sein.“

Kurdisch sein galt schon lange als Tabu in der Türkei, aber nach dem Putsch, mit dem das türkische Militär den Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan stürzen wollte, wurde das Land noch nationalistischer. In Istanbul hängen mittlerweile am Nationalfeiertag unzählige türkische Fahnen an den Fenstern. „Meine Familie hat das nicht gemacht, weil sie keine Türken sind“, erzählt Berfin. Deswegen fragten sich ihre Nachbar:innen, ob sie regierungskritisch oder kurdisch seien. Während Berfins Vater in der Türkei sagt, dass er Türke sei, hat er in Österreich einen Mittelweg für sich gefunden: Er stellt sich nicht als Türke oder Kurde vor. Für ersteres hat er zu große Sorge vor Konflikten oder negativen Reaktionen, zweiteres stimmt für ihn nicht. Darum sagt er schlicht, dass er “aus der Türkei kommt”. Das kann er mit sich vereinbaren, kommt aber nicht in Konfliktsituationen.

Berfins Vater wollte, als sie ein Kind war, mit der ganzen Familie in die Türkei ziehen. Dort sei er ein komplett anderer Mensch, meint Berfin. Offener, lebensfroher – an Österreich habe er sich nie ganz gewöhnt. Weil Berfins Mutter in Österreich bleiben wollte, blieb auch er. Berfins Vater ist ihre Verbindung mit kurdischer Kultur, auch in Österreich.

Als Kind wusste Berfin nur: mein Vater spricht türkisch, meine Familie lebt in der Türkei. Erst als sie älter wurde, erfuhr sie von ihrem Vater, dass sie Kurdin ist. Berfin erinnert sich gut an die Gespräche darüber: “Ich habe mir erklären lassen, warum das so wichtig ist. Es ist einem vielleicht auch wichtig, ob man Deutscher oder Österreicher ist, aber es hat eine ganz andere Wichtigkeit bei Kurden. Weil sie anders behandelt werden“, sagt sie. In der Volksschule ist ihr das noch gar nicht bewusst, je älter sie wird, desto mehr setzt sich damit auseinander.

Ihr steigendes Interesse politisiert Berfin, sie spricht nun anders über ihre Familie. Wo sie als Kind einfach meinte, ihr Papa sei aus der Türkei, die Mama Österreicherin, differenziert sie heute und sagt ihr Vater sei Kurde aus der Türkei: „Einfach um es einmal mehr anzusprechen, damit man einmal nicht nichts sagt.“

Trotzdem hofft sie auf eine baldige Vereinigung: „Das ist für viele Kurden der einzige Weg, um mit ihrer Kultur und Sprache in Frieden leben zu können. “

Die kurdische Sprache, kurdische Namen für neugeborene Kinder und kurdische Musik sind in der Türkei offiziell zwar wieder erlaubt, aber werden von vielen immer noch als minderwertig angesehen. Es gab zwar Friedensprozesse, diese wurden jedoch von Seiten der türkischen Regierung abgebrochen. Berfin erzählt auch von Vorfällen, bei denen Leute festgenommen wurden, oder Geldstrafen zahlen mussten, weil sie kurdische Musik gehört haben. Noch immer müssen manche Schüler in der Klasse sagen: „Ich bin stolz Türke zu sein.“ Immer wieder kommt es zu militärischen Angriffen auf kurdisch besetzte Gebiete in Syrien und dem Nordirak.

Berfin ist nicht sehr optimistisch, was eine Anerkennung eines kurdischen Staates angeht. Trotzdem hofft sie auf eine baldige Vereinigung: „Das ist für viele Kurden der einzige Weg, um mit ihrer Kultur und Sprache in Frieden leben zu können. “ Berfin denkt, dass die momentane türkische Regierung ein freies Kurdistan unrealistischer gemacht hat – für sie bleibt ein Besuch der kurdischen Gebiete dadurch auch weiterhin nur ein Traum.

Verteilt auf unterschiedliche Länder, wird die kurdische Kultur von den jeweiligen Ländern, geprägt. So wie es nicht die eine kurdische Sprache gibt, gibt es auch nicht die eine kurdische Kultur. Auch wenn viele sich einen Staat für alle Kurd:innen wünschen, sieht Schmidinger deshalb mögliche Spannungen : „Deswegen schreibe ich in Texten über die Kurden nie von der kurdischen Diaspora, sondern den kurdischen Diasporen. Es gibt zwar die Idee eines gemeinsamen Kurdistans, aber sie entspricht nicht der gesellschaftlichen Realität – auch nicht unter den Kurden in Österreich.” Die verschiedenen kurdischen Communitys in Österreich würden aber bei einschneidenden Ereignissen zusammenkommen. Etwa um Demonstrationen zu organisieren.

So war es auch bei den Demonstrationen in Favoriten vergangenen Sommer. Auch Berfin war dort. Ausgangspunkt war eine Demonstration gegen Gewalt an Frauen, die von einem kurdischen Verein organisiert wurde. Dort trafen pro kurdische Demonstranten auf türkische Nationalist:innen, unter denen auch Mitglieder der rechtsextremen “Grauen Wölfe” waren. Diese schrien Gegenparolen und zeigten den „Wolfsgruß“. Angehörige beider Gruppen gerieten in teilweise handgreifliche Auseinandersetzungen.

Bei der Demo fielen Berfin die vielen Polizist:innen auf. Sie erinnert sich an die bedrückte Stimmung „Passanten haben uns gefragt, was los ist, weil da sonst immer voll die nette ‘Multikulti-Stimmung’ ist“, erzählt sie. Für Berfin waren die Ausschreitungen ein Versuch, Kurd:innen durch Verunsicherung auch in Österreich zurückzudrängen, sie weniger sichtbar zu machen. Auch Schmidinger hält die Demonstrationen eher für einen ideologischen Konflikt – pro kurdisch und ultranationalistisch – als einen der Nationalitäten – kurdisch gegen türkisch. „Auf der Seite der Kurden waren auch viele linke Türken dabei“, sagt er.

“Ich habe gehofft, dass durch die Demos und die viele Berichterstattung Lösungen für die Situation thematisiert werden. Aber es war recht schnell wieder gegessen”

Außerdem sieht Schmidinger auch deutliche Verbindungen zwischen Konflikten hierzulande und Ereignissen in der Türkei: „Wenn sich in einer Region der Krieg verstärkt, gibt es manchmal auch entsprechende Propaganda in türkischen Medien.” Diese führt auch zu Angriffen in Österreich, bei denen türkische Rechtsextreme auf kurdische Vereinslokale oder Kurden losgehen. Berfin hat auch die Folgedemos, die als Reaktion auf die Vorfälle veranstaltet wurden, besucht. “Ich habe gehofft, dass durch die Demos und die viele Berichterstattung Lösungen für die Situation thematisiert werden. Aber es war recht schnell wieder gegessen”, zeigt sie sich enttäuscht.

Trotz der Ausschreitungen bei den Demonstrationen hat Berfin aber in Österreich nie Angst, offen ihre kurdische Identität zu thematisieren. Weil Deutsch ihre Muttersprache ist, wird sie eher akzeptiert, glaubt Berfin: „Ich kann meine Herkunft thematisieren, ohne in Gefahr zu kommen. Deswegen ist es mir umso wichtiger darauf aufmerksam zu machen.“ Für andere in ihrem Umfeld ist das nicht immer so. Bei einem Freund ihres Vaters, der eine Dönerladen-Kette in Wien führt, schlugen beispielsweise Kurdengegner:innen die Fenster seiner Geschäfte ein.

Dennoch ist auch Berfin gelegentlich von Alltagsrassismus betroffen. Dann wird ihr nicht ihre kurdische, sondern ihre österreichische Herkunft abgesprochen. Zum Beispiel saß sie mit einer Freundin mit ausgezogenen Schuhen auf einer Parkbank, als eine ältere Frau sie ansprach und meinte, so ein Verhalten gehöre sich hier nicht und sie solle in “ihr eigenes Land“ zurückkehren. „Ich hab ihr gesagt, dass ich aus Österreich komme und auch hier her gehöre“, meint Berfin. Ihre Freundin wurde von der Frau nicht attackiert. Sie hat Berfin verteidigt. Berfin lacht wenn sie von diesem Vorfall erzählt. Doch sie gibt auch zu, dass dieses Ereignis sie verärgert und aus der Bahn geworfen hat.

Als sie den Vorfall einem Kollegen schildert, beschwichtigt er sie: Sie solle sich nicht so aufregen. Das hat Berfin wütend gemacht: „Er konnte nicht nachvollziehen, dass das Privilegien sind: Weiß sein, ein Mann sein oder Österreicher sein. Deswegen passiert ihm sowas nicht.“ Diese Reflexion von Privilegien ist auch Berfin wichtig. Ihre Eltern gaben ihr bewusst den „österreichisch-klingenden“ Nachnamen ihrer Mutter. So wollten sie Berfin vor Vorurteilen schützen. Ihr Vorname ist kurdisch. Berfin denkt, dass sie auch wegen ihres Nachnamens weniger Diskriminierung erfahren hat.Trotz Konflikten und Diskriminierung in der Türkei, wie auch in Österreich, gibt es auch viele, die kurdische Mitbürger akzeptieren und respektieren. Anders als in der Türkei feiern Kurd:innen hier offen auf der Straße. Berfin genießt es, diese Feiern zu besuchen, fühlt sich dort mit der kurdischen Kultur verbunden. Sie denkt gerne daran zurück, wie sie als kleines Kind etwa beim Volksstimmenfest ausgelassen mit Fremden getanzt hat, herumgewirbelt und im Kreis weitergegeben wurde, während auf der Bühne eine kurdische Band spielte. Die Gäste haben gegessen und gelacht. Die Stimmung war ausgelassen – weniger gezwungen, als sonst oft in Österreich, findet Berfin. Die Freund:innen ihres Vaters sind Kurd:innen, wie Türk:innen. Bei so manchen Festen tanzen sie abwechselnd kurdische und türkische Kreistänze.

Illustration: Clara Sinnitsch

Text: Felix Hübner
unterstützt von Emilia Garbsch[1]

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