Ungewöhnlich gut erhaltene Produktionsstätte erlaubt neue Einblicke ins Handwerk der Eisenzeit vom Rohmaterial bis zu den fertigen Töpferwaren
Keramik zählt zu den wichtigsten Quellen archäologischer Forschung. Was lange im Schatten stand, ist jedoch der Herstellungsprozess selbst: Wie Ton gewonnen, verarbeitet und gebrannt wurde, blieb oft eine Leerstelle. Eine außergewöhnlich gut erhaltene Töpferwerkstatt im Dinka-Siedlungskomplex im heutigen irakischen Kurdistan erlaubt nun erstmals, eine komplette lokale Produktionskette der Eisenzeit im Detail nachzuzeichnen.
Die Ausgrabung mit zwei Brennöfen eröffnet einen seltenen Blick auf das Handwerk hinter den Gefäßen – vom Rohmaterial bis zum fertigen Produkt. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden nun von einem Forschungsteam der Universität Tübingen und der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) im Journal of Archaeological Science präsentiert.
Luftaufnahme einer archäologischen Ausgrabungsstätte. Sichtbar sind freigelegte Grundmauern aus Stein, die quadratische und rechteckige Strukturen bilden. Die Umgebung besteht aus brauner Erde, und im Hintergrund sind wenige Personen sowie Zäune zu sehen.
Die freigelegte Töpferwerkstatt von Gird-i Bazar im Dinka-Siedlungskomplex. Die Aufnahme zeigt die Mauern der Gebäude sowie pyrotechnische Anlagen, in denen die Tongefäße gebrannt wurden.
Wie in der Eisenzeit gearbeitet wurde
Der Dinka-Siedlungskomplex wird seit 2015 systematisch erforscht und zählt inzwischen zu den am umfassendsten untersuchten urbanen Siedlungen der Eisenzeit in der Region. Innerhalb dieses weitläufigen Ruinenareals stießen die Forschenden im Bereich Gird-i Bazar auf die Überreste einer Töpferwerkstatt, die sie in die Zeit zwischen 1200 und 800 vor Christus datieren. Neben den beiden Brennöfen fanden sich dort Produktionsabfälle sowie geschichtete Sedimentablagerungen, die noch in ihrer ursprünglichen räumlichen Anordnung erhalten waren – ein Glücksfall für die archäologische Forschung.
Da die Werkstatt so gut erhalten ist, konnten wir verschiedene Techniken kombinieren und so ein umfassendes Bild davon gewinnen, wie Töpferinnen und Töpfer in dieser Region während der Eisenzeit tatsächlich gearbeitet haben, sagt Silvia Amicone von der Forschungsgruppe Archäometrie an der Universität Tübingen, Erstautorin der Studie.
Gut organisierte Produktion
Untersucht wurden nicht nur die Keramikgefäße selbst, sondern auch der unverarbeitete Ton, die Innenauskleidung der Brennöfen, deren Füllungen sowie die Überreste des verwendeten Brennmaterials. Anhand mineralogischer und mikrostruktureller Analysen sowie durch das gezielte Erfassen bestimmter Mineralphasen ließen sich sowohl die verwendeten Rohstoffe als auch die eingesetzten Herstellungstechniken rekonstruieren.
Die Ergebnisse lieferten ein komplexes Bild eisenzeitlicher Töpferei: Zwar variieren die Gefäße in Form und Verarbeitung, vermutlich abhängig von ihrer jeweiligen Funktion. Diese Unterschiede bewegen sich jedoch innerhalb eines klar strukturierten, modularen Produktionssystems. Offenbar handelte es sich nicht um vereinzelte handwerkliche Aktivitäten, sondern um eine gut organisierte Produktion, die wohl nicht nur den Dinka-Siedlungskomplex selbst, sondern auch die umliegende Region versorgte.
Darauf weist auch die weite Verteilung von Produktionsspuren im gesamten Siedlungsareal hin. Geophysikalische Untersuchungen deuten zudem auf weitere mögliche Brennöfen hin. Die Töpferei war demnach kein Randphänomen, sondern fest in die urbane Struktur eingebettet; Gird-i Bazar fungierte offenbar als Teil eines Netzwerks von Werkstätten, die nach gemeinsamen Standards arbeiteten.
Panoramablick auf den Fluss Unterer Zab, umgeben von grünen Wiesen und schneebedeckten Bergen im Zagros-Gebirge unter klarem blauem Himmel.
Panoramablick auf den Fluss Unterer Zab im Zagros-Gebirge. Die Region wurde historisch von alten Reichen wie Mittani und Utûm geprägt.
Gemeinsame uralte Tradition
Besonders auffällig ist die technologische Einheitlichkeit im letzten Schritt der Herstellung. Töpferinnen und Töpfer mögen in den frühen Phasen der Herstellung unterschiedliche Verfahren angewendet haben, doch letztendlich vertrauten sie alle auf dieselben einfachen und effizienten Niedrigbrandmethoden – Temperaturen unter 900 Grad Celsius, oxidierende Bedingungen, langsame Aufheizraten und kurze Verweilzeiten in einfachen stehenden Öfen, sagt Amicone.
Diese bemerkenswerte Standardisierung verweist über handwerkliche Routine hinaus: Diese Einheitlichkeit in der Herstellung deutet nicht nur auf eine gemeinsame Tradition und eine starke kollektive Produktionsidentität hin, sondern auch auf ein Ausmaß an Koordination, das auf hochgradig organisierte Arbeitsabläufe und institutionelle Aufsicht bei der Verwaltung von Ressourcen, Arbeitskräften und technologischem Wissen hindeuten könnte, so die Forscherin. Diesen Grad an Komplexität haben wir in dieser Region zu dieser Zeit nicht erwartet.
Fortschritt als kollektive Leistung
Der Dinka-Siedlungskomplex wurde zwischen 2015 und 2020 im Rahmen des Peshdar Plain Project unter der Leitung von Karen Radner von der LMU München untersucht. Der Komplex bietet uns die seltene Gelegenheit, zu erforschen, wie ein Zentrum in der Zagros-Region in der Eisenzeit funktionierte, sagt Radner. Die Werkstatt in Gird-i Bazar zeigt, dass spezialisierte Handwerksproduktion nicht am Rande stand, sondern in das städtische Gefüge eingebettet war. Das liefert neue Einblicke in die Organisation und Komplexität des Lebens im Zagros-Gebirge während des ersten vorchristlichen Jahrtausends.
Auch die damaligen gesellschaftlichen Bedingungen werden durch die neuen Ergebnisse zur Töpferproduktion beleuchtet. Sie ermöglicht laut Karla Pollmann von der Uni Tübingen einen einzigartigen Einblick in die Organisation und Innovationskraft früher urbaner Gesellschaften. Sie zeigen, wie technologisches Wissen und gemeinschaftliche Strukturen die Grundlage für kulturelle Entwicklungen vor mehr als 2500 Jahren bildeten. Forschung dieser Art erinnert uns daran, dass Fortschritt schon immer eine kollektive Leistung war – damals wie heute, so Pollmann. [1]