Der tscherkessische Autor Yalçın Karadaş sieht in der Waffenverbrennung der PKK einen tiefgreifenden Schritt in Richtung Frieden. Er fordert politische Teilhabe für alle ethnischen Gruppen und eine neue Verfassung, die kulturelle Vielfalt anerkennt.
Der tscherkessische Autor und Verleger Yalçın Karadaş hat die jüngste Friedensgeste der kurdischen Bewegung als „tief bewegenden, historischen Schritt“ gewürdigt. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Mezopotamya (MA) bezeichnete er die symbolische Waffenverbrennung der PKK am 11. Juli als einen Akt mit „kultureller Tiefe und politischer Bedeutung“, der weit über den kurdischen Kontext hinausweise.
Die Zeremonie, bei der jeweils 15 Kämpferinnen und Kämpfer der PKK in der bei Dûkan gelegenen Schlucht Şikefta Casenê ihre Waffen in einem großen Kessel verbrannten, war die erste sichtbare Umsetzung der jüngsten Botschaft von Abdullah Öcalan, in der er zu einem Prozess für Frieden und demokratische Gesellschaft aufgerufen hatte. Die Aktion fand internationale Beachtung.
Ein symbolischer Tod und eine Wiedergeburt zugleich
Karadaş hob insbesondere die symbolische Ebene des Aktes hervor: „Das bewusste Verbrennen der Waffen anstelle einer einfachen Abgabe ist ein zutiefst ritueller Vorgang. In der kurdischen Kultur ist Feuer ein Symbol für Erneuerung, Widerstand und Freiheit. Es verweist auf Kawa den Schmied, der sich in der kurdischen Mythologie gegen die Tyrannei erhob. Die Guerilla hat damit gesagt: Wir kapitulieren nicht – aber wir sind bereit für den Frieden.“
Die Beteiligten hätten damit nicht nur den bewaffneten Kampf beendet, sondern auch eine Botschaft gesendet: „Wir brennen unsere Vergangenheit, um neu zu beginnen. Es ist ein symbolischer Tod und eine Wiedergeburt zugleich. Dieser Schritt verdient Respekt – und erfordert Antwort“, so Karadaş.
Politische Öffnung gefordert
In diesem Sinne begrüßte Karadaş auch den Appell Öcalans an die verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen in der Türkei, sich aktiv an einem neuen gesellschaftlichen Prozess zu beteiligen. Als Angehöriger der tscherkessischen Gemeinschaft betonte er: „Wir wollen Teil dieses Prozesses sein. Wenn nun ein parlamentarischer Ausschuss zur Vorbereitung demokratischer Reformen entsteht, erwarten wir, dass auch Tscherkessen, Aleviten, Araber, Armenier, Suryoye und alle anderen unterrepräsentierten Gruppen darin vertreten sind.“
Verfassung als zentraler Schlüssel
Der Autor sieht die Entwicklung als Chance, einen lang überfälligen gesellschaftlichen Neuanfang zu wagen – unter der Voraussetzung, dass strukturelle Veränderungen eingeleitet werden. „Eine neue demokratische Verfassung ist unerlässlich“, so Karadaş. Es müsse Schluss sein mit halbherzigen Anpassungen an einem autoritären Grundkonsens. Vielmehr brauche es eine Verfassung, „in der sich alle wiederfinden – ohne Ausschlüsse, ohne Einschränkungen, ohne unantastbare Tabus“.
Karadaş warnte davor, Demokratie als leere Floskel zu missbrauchen: „In der Türkei ist der Begriff Demokratie längst von politischen Eliten entkernt worden. Aber echte Demokratie heißt: Anerkennung von Vielfalt, Schutz von Minderheiten, Gleichheit vor dem Gesetz – nicht nur für die Mehrheit, sondern für alle.“
Karadaş sieht die Wurzeln des Problems in der türkischen Staats- und Bildungsideologie: „Seit der Republikgründung wurde versucht, alle Identitäten in eine nationale Einheit zu pressen – Türkisierung, Sunnitisierung, Homogenisierung. Das hat Misstrauen und Vorurteile zwischen den Gruppen vertieft. Selbst vermeintlich verwandte Identitäten wurden gegeneinander ausgespielt.“ Ein echter Wandel könne nur gelingen, wenn sich der Staat dieser Vergangenheit stelle und sich gegenüber den Minderheiten erkläre: „Der Staat muss sagen: Wir haben euch Unrecht getan. Er muss sich bei den Kurden, Tscherkessen, Suryoye und vielen anderen entschuldigen und Konsequenzen ziehen.“
Waffenverbrennung als Signal der Selbstermächtigung
Die Art und Weise, wie die kurdische Bewegung ihren Schritt vollzogen habe, sei in sich bereits ein Zeichen politischer Reife, sagte Karadaş. „Es war keine Kapitulation, sondern ein souveräner, durchdachter Akt.“ Die kulturelle Symbolik sei dabei zentral gewesen. „Wenn 30 Menschen – Frauen und Männer – ihre Waffen gemeinsam in einem Kessel verbrennen, ist das kein PR-Stunt, sondern ein ritueller Akt. Er sagt: Wir beginnen neu – selbstbestimmt. Das erinnert an den Schmied Kawa, der mit dem Hammer gegen das Unrecht kämpfte.“
Karadaş sieht in der Geste ein Versprechen – nicht nur an die kurdische Gesellschaft, sondern an alle in der Türkei lebenden Menschen. „Es ist ein Aufruf zur gemeinsamen Zukunft – ohne Hegemonie, ohne Hierarchien. Wenn dieser Impuls ernst genommen wird, kann daraus ein gesellschaftlicher Aufbruch entstehen.“
Forderung nach Beteiligung
Abschließend machte Karadaş deutlich, dass auch die tscherkessische Gemeinschaft bereit sei, ihren Beitrag zu leisten. In früheren Anläufen zur Verfassungsreform habe man sich bereits mit konkreten Vorschlägen eingebracht – sowohl im Inland als auch auf europäischer Ebene. „Wir wollen mitgestalten. Wir wollen, dass alle Stimmen gehört werden. Wenn dieser Prozess gelingen soll, dann nur als gemeinsamer.“ Die Hoffnung sei groß – nun liege es an Politik und Gesellschaft, die Tür zur Veränderung wirklich zu öffnen. „Wir haben eine historische Chance. Es wäre fahrlässig, sie ungenutzt zu lassen.“[1]